Seit einigen Monaten raunte immer wieder ein Name durch die Berliner Metal - Szene wie der Wind durch den herbstlichen Wald: Orphan Hate.
Einige wenige Demos des noch unveröffentlichten Debüts geisterten durch die Szenekneipen der Hauptstadt und trafen dort schnell auf ziemlich beeindruckte Ohren. Ein Umstand welcher hierzulande aufgrund der Flut von neuen Veröffentlichungen geradezu Seltenheitswert besitzt.
Ihre Thrash Metal Wurzeln sind unverkennbar und Orphan Hate versuchen es im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen der neuen Generation auch gar nicht erst, diese in irgendeiner Form zu verbergen. Stattdessen fügen sie mit hervorragend melodiösem Songwriting und punktgenauen progressiven Elementen dem Genre genau die modernen Akzente hinzu, die den Sound der Band letztendlich unverwechselbar machen.
Zentraler Punkt der Band ist ohne jeden Zweifel die erst 22-jährige Frontfrau Sina Niklas. Mit ihrer Urkräften gleichen Stimmgewalt entfesselt sie scheinbar spielend brachiale Growls und kantige Shouts , um schon im nächsten Moment mit sehr femininem Gesang ihren ausnahmslos eigenen Lyrics Ausdruck zu verleihen. Gerade diese Wandelbarkeit ihrer Stimme verleiht ihr zweifelsohne den Status einer Ausnahmeerscheinung.
Doch auch der Rest des Quintetts agiert hörbar auf technisch und musikalisch höchstem Niveau und kreiert so kraftvolle und vor allem auch melodische Songs…Schwelgerische Refrains, verspielte Soli und wütende Riffattacken bilden ein musikalisch eigenständiges Konstrukt mit hohem Wiedererkennungswert. Fans von In Flames, Arch Enemy, Fear Factory, Nevermore oder auch Stone Sour dürften hier auf ihre Kosten kommen.
Nach inzwischen vier Demos haben sich ORPHAN HATE ins „Freakwave Studio“ begeben, um ihr Debüt Album einzuspielen. „Blinded by Illusions“ hat mit 14 Songs und einer Spielzeit von 55 Minuten alles, um auch den Rest der Metal-Welt von sich zu überzeugen.
Trotz des schon vor der Debüt-Veröffentlichung spürbaren Erfolges und der Anerkennung der gesamten Szene bewahren sich Orphan Hate ein gewisses Maß an Selbstzweifeln und Understatement, was sie geradezu zynisch schon mit dem Titel des Erstlings deutlich machen. Und gerade deshalb gehören sie zu einem der vielversprechendsten Newcomer des Jahres.
We are blinded by illusions and “…no matter what people say, we will stand on top…“ (q.f.:“No Matter what…”)
2008 / Plainsong Records
Orphan Hate about „Blinded by Illusions“
„Blinded by Illusions“ beschreibt den Zustand, in dem sich Orphan Hate seit der Neugründung 2004 befindet. Hart und zielstrebig arbeiten die fünf Musiker ohne Rücksicht auf persönliche Belange an der Verwirklichung ihres Traumes von einer stetig wachsenden Band. Viele Rückschläge und private Turbulenzen haben Orphan Hate im Laufe der Zeit zusammengeschweißt und zu einer Familie werden lassen, und formte letztlich die Idee für den Namen des Albums und die Illustration des Coverlayouts.
Das zentrale Motiv des Covers bildet eine Statue in Form einer Justitia, die eine übergroße, aus komplizierten Mechanismen bestehende Waage von sich streckt. Die Waagschalen symbolisieren die Unstetigkeit und Ungewissheit, denen Bands ständig unterworfen sind. Das Auf und Ab entscheiden komplizierte Mechanismen, die unbeeinflussbar bleiben. Justitia erträgt dieses Spiel nur mit großer Standfestigkeit und auf eigene Visionen bauend.
Sina Niklas richtet den Fokus in ihren Texten auf zwischenmenschliche Beziehungen, geprägt durch die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens. Sie erzählt von einschneidenden emotionalen Erfahrungen und dem täglichen Kampf um Anerkennung und Respekt, in einer zunehmend raueren und gesichtsloseren Gesellschaft. Ferner spiegelt sich die Entwicklung von Orphan Hate auf ihrem Weg zu “Blinded by Illusions“ in jeder Note und jedem Satz.. In ihren Beschreibungen verliert sie sich nicht in emotionalem Kitsch, sondern philosophiert mit klarem Verstand.
Sina Niklas about the Lyrics on „Blinded by Illusions“
”Walk Straight” die Ausblendung des Ichs, auf der Suche nach
Zugehörigkeit und Sicherheit. In großen Wellen schwimmen die Einsamen. Löst
euch von falschen Vorbildern!
“24/7 Liar“ reflektiert das eigene tagtägliches Schauspiel; es sind die Doppelmoral und Kälte der Gesellschaft, die einen in unterschiedliche Rollen zwängen und das wahre Gesicht verbergen lassen. Wo ist der richtige Weg, wer bin ich wirklich? Zwanghafte Unsicherheit verbietet den Genuss des freien Lebens und fordert somit einen hohen Tribut; es bleibt, dies zu ertragen. (“…every single day, you’re changing frames…“)
Die Single “Circus“ verarbeitet konkrete Erfahrungen, die Orphan Hate im Laufe der Jahre gemacht haben: Die immens steigenden Anforderungen, der wachsende Konkurrenzdruck; die Regeln des Musikgeschäfts - eine Arena, in der man vor Schaulustigen um seine Existenz kämpft. Nur durch einen starken Zusammenhalt geht man aus diesem Spiel als Sieger hervor. (“…stronger than before we believe in ourselves…“)
”King’s Misery“ – ein Buch, dass nur schwer wegzulegen war…
”No Matter What…“ greift die Thematik von “Circus“ wieder auf, beschreibt aber vielmehr den Zwiespalt, in dem sich Künstler befinden, die für ihren Traum leben; jedoch stetem Widerstand ausgesetzt sind und sich gezwungen fühlen, die Visionen vor anderen, manchmal den Nächsten, rechtfertigen zu müssen.
”Evil A”(“the almighty circle“): Zorn und Ohnmacht – hervorgerufen durch kulturelle Unterdrückung und Unverständnis, wenn verschiedene Gesellschaften aufeinandertreffen! Jene, die auf der Strecke bleiben, haben oft nur einen Ausweg…
“Homeless“ kommt rastlos daher. Das Unvermögen, Entscheidungen zu treffen, sich selbst zu positionieren, ein Hin- und Hergerissen sein zwischen Altem und Neuem. (“…she’s torn between new and old“ – “why I’m not supposed to be settled…”)
”This Child” befasst sich mit körperlichem Missbrauch, und dem Wunsch zu vergessen. (“…but she’ll always be caught in her memories“)
“Passion“ ruft zum Widerstand gegen das mediale Diktat auf und fordert eine kompromisslose geistige Auseinandersetzung mit der Realität. (“…make up your mind…“)
Die Songs “The Spine (…I’ve never had)“ und “Pull Out Some Hope“ hingegen erzählen von der Angst, geliebte Menschen, trotz lang bestehender Notwendigkeit von sich zu stoßen. Eine Art Selbstreflexion zeigt, wie man eigene Prinzipien über den Haufen wirft und sich Enttäuschung über die eigene soziale Unfähigkeit breit macht. Die Rückratlosigkeit gegenüber seinen Nächsten entfesselt rasende Wut.
Der persönlichste Song ist wohl “Nothing’s What It Seems“, eine Forderung nach Wärme, Aufmerksamkeit und wahrem Interesse gegenüber dem eigenen Nachwuchs! Misstrauen, emotionale Kälte und Argwohn, die ständigen Begleiter einer zerstörten Beziehung. Der Song verweist auf die Schuldigen. (“pain sometimes’ so beautiful, if it’s the only thing you feel“)
“Fragrance“ erscheint ungewöhnlich freizügig; beschreibt die Phantasien einer heranwachsenden Frau, die sich auf einer langen Reise mit einem Unbekannten befindet…(“…on the road to nowhere…it’s the fragrance I fear…“)
siehe oben oder www.orphanhate.de
... eine Mischung aus Soilwork, In Flames, Nevermore...